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Ein Gastbeitrag von menschzweinull

Prolog 1

Ich glaube nicht an demokratisches Design. Ebenso wenig glaube ich an individuelles Design. Ich glaube an diktatorisches Design, und bin dabei in bester Gesellschaft. Daher: Wer diesen Eintrag lesen will, muss vorher oben rechts die Farbe des Blogs auf “Vernunftsblau“ umstellen. Danke.

Prolog 2

In einer relevanten Rede hat Martin Walser eine nahezu lächerlich durschaubare rhetorische Figur gebraucht; er sagte Folgendes:

wenn ich über Lyrik reden wollte, würde ich mit etwas anfangen wie »Die Sonne neigt beim Untergang im Meer zur Übertreibung«.

Der Martin wieder: Erfindet eine hübsche Floskel, die er nur ihrer selbst willen völlig kontextlos einbaut. Dieses Muster adaptierend, könnte ich jetzt schreiben:

wenn ich provozieren wollte würde ich diesen Blogeintrag beginnen mit dem Vergleich: »Wer solche Dating-Listen erfindet und ins Internet stellt handelt moralisch nicht anders als ein Pornoanbieter.«.

Aber natürlich würde ich nie so anfangen. Ich bin ja nicht Martin Walser. Der – nur so nebenbei bemerkt – eben diese in der Paulskirche mündlich vorgetragene Passage aus seinen gedruckten Redetexten hat entfernen lassen.

Prolog 3

Ich habe in meiner Erinnerung gekramt und festgestellt: Ich hatte noch nie ein „Date“.

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Als ich die Dating-Liste las, war meine erste Reaktion: Lustig. Wird sich alles keiner trauen, aber: lustig. Meine zweite Reaktion war: Listen wie diese sind gefährlich. Man sollte sie löschen. Alle.

Für das “warum“ der zweiten Reaktion spannen wir den Bogen zum zweiten Prolog: Kinder und Jugendliche wachsen heutzutage in einer durch und durch sexualisierten Welt auf. Gerade eben geht der Diskurs wieder durch die Medien: Was wird all die direkt verfügbare Pornographie im Internet mit unseren Kindern anstellen? Manche sehen die Katastrophe aufziehen, andere mahnen zur Ruhe.

Die Tatsache ist: Wir wissen es nicht, wir haben nicht die geringste Ahnung. Als ich in die Pubertät kam, war die einzige Quelle erotischer Abbildungen, die man ohne beschämenden Menschenkontakt (Bravo kaufen am Kiosk, den Freund nach seinen Ausgaben fragen) erhalten konnte, die Sanitätsanzeigen in der Hörzu. Dann kam Tutti Frutti und alles wurde anders. Nur: mittlerweile ist es SEHR anders geworden. Zumindest ein Teil der Pädagogen und Psychologen geht davon aus, das Kinder Sexualität durch den leichten Konsum im Internet völlig anders wahrnehmen und kennenlernen als irgendeine Menschheitsgeneration zuvor. Es gibt keine kindliche Schutzzone mehr, die Kampfzone wird ausgeweitet.

Zitat aus obigem Artikel:

Und die Kinder? Väth erzählt, dass in Gruppensitzungen die Mädchen regelmäßig von den Jungs gefragt würden, ob sie es sich denn vorstellen könnten, später gleichzeitig mit mehreren Männern zu schlafen. “Da kommt man mit elf nicht so ohne weiteres drauf”, sagt der 40-Jährige, “da wird deutlich, wie sehr pornografische Medieninhalte die Realität dieser Kinder konstruieren.”

Dasselbe geschieht auf vielen anderen Feldern, etwa dem der Schönheit. Die Diktatur der Konfektionsgröße 36 ist hinlänglich bekannt, Schönheitsideale werden medial zementiert.

All diese performativen Medieneinflüsse zielen in dieselbe Richtung: Wir sollen “richtig“ funktionieren; und zwar in der Art, wie es vorgelebt wird.

Und nun, die Dating-Liste ist der Beweis, ist die Romantik dran. Für mich transportiert diese Liste Folgendes: Sei kreativ. Sei originell. Sei mutig. Sei unagepasst. Hier wird ein Wert aufgebaut, im Kern der der “Originalität“ – der bisher übersehen wurde. Nicht Frisuren und Rollenbilder von Disney sind jetzt ausschlaggebend, sondern das Primat des metropolen, aufgeklärten, ironischen, originellen Menschen.

Was, kann mir das jemand beantworten – hat das mit Liebe zu tun.

Menschen, die diese Liste lesen und sich etwas leichter beeinflussen lassen, werden denken: Oh, so originelle Sachen habe ich noch nie bei einem Date gemacht – muss ich mal ausprobieren. Wenn das Date kommt, werden sie scheitern, da sie verkrampft mit der Meta-Situation „wie kann ich das Date originell gestalten“ beschäftigt sind und nicht mit dem eigentlichen Grund des Dates, nämlich dem Partner. Die Formel “sie kreativ und originell“ ist in etwa so sinnvoll wie “sei spontan“.

Auch das andere Szenario ist unerfreulich: Sagen wir einmal – “Sie“ – hat die Liste gelesen und für hinreichend amüsant befunden. Beim nächsten Date wird sie nicht enttäuscht sein, wenn ihr Prince Charming sich etwas nicht ganz so originelles einfallen lässt – man ist ja schließlich Realistin.

Und schon beginnt der Kreislauf des Selbstbetruges, denn unbewusst vergleicht sie natürlich DOCH, und wenn die Beziehung eher früh als spät auseinander geht, hat sie es ja eigentlich gleich gewusst, das Date war ja schon langweilig, kein Wunder.

Listen wie diese setzen uns also unter den Druck immer originell, amüsant, anarchistisch sein zu müssen, so wie uns Pornographie unter den Druck setzt immer bereit, immer funktionierend, immer verfügbar zu sein.

Warum darf ein Date nicht spießig sein? Warum nicht einfach Händchen halten? In der Wiese liegen und Wolken respektive Sterne anschauen? Gedichte lesen? Was ist falsch an Cocktails trinken, Alkohol hilft?!

Das eigentlich Fatale ist, das wir überhaupt nichts tun können. Alles wird verbreitet, alles wird geschrieben, alles wird gesendet. Und selbst wenn wir uns all das bewusst machen: Die performative Kraft wird einwirken, im Zweifelsfall unbewusst, gegen all die Rollenvorstellungen und erwarteten Handlungsmuster können wir uns nicht wehren. Wer also 2009 nicht ein lustig-geistreiches Blog hat, dazu tumbld, die richtige Musik hört, die richtigen Klamotten kauft und die richtigen Länder bereist, hat bei der Verteilung der Beziehungsländereien ganz schlechte Karten. Darwin klatscht in die Hände und bei Houellebecq ist zu lesen, wie alles enden wird.

Vielleicht können wir zumindest eins tun – darüber Reden.

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Epilog

Nach längerem Nachdenken habe ich festgestellt das ich mindestens drei Dates hatte. Ich hatte sie vergessen, bzw. bei flüchtigem Durchgang nicht als solche eingeschätzt.

Ich frage mich, warum.