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Tatsächlich Tucholsky

Morpheus, das Sandmännchen und ich machen gerade einen großen Bogen umeinander. Tucholsky und mich gibt es hingegen derzeit nicht mehr ohne einander. Wenn ich groß bin, möchte ich immerhin “mal ‘was mit Sprache” machen – einer der Gründe, wieso neben meinem Bett (unter anderem) gerade eine Sprachglossen-Sammlung von Tucholsky liegt. Und weil’s so schön ist und die Nacht so kurz war, hier mein nächtliches Amusement:

>>eigentlich<<

Das ist ein schönes, deutsches Wort, so schön, dass man es nicht einmal ins Französische übersetzen kann. »Proprement dit« … nein, »eigentlich« ist überhaupt kein Wort. Das ist eine Lebensauffassung.

Da leben die Leute in ihren Vierzimmerwohnungen und verdienen elfhundertundsiebenunddreißig Mark im Monat, und haben eine Frau und zwei Kinder (oder umgekehrt), und fahren jeden Tag mit der Untergrundbahn … aber »eigentlich« sind sie ganz etwas anders. Dichter zum Beispiel, für die das äußere Leben nur provisorisch vorhanden ist, bis sie eines Tages einsehen, dass dieses Provisorium alles war, und dass nichts mehr danach kommt … und Prominente sind sie in irgendeiner Kunst, Beamte, Politiker; sie gehen, nennt man das, in ihrem Beruf auf – kurz: »eigentlich« sind sie alle ganz etwas anders. Man sieht es ihnen gar nicht an, das Eigentliche.

Es wimmelt von verkappten Königen, die inkognito leben. Vielleicht braucht jeder diesen kleinen Privatstolz, sonst könnte er es ja wohl nicht durchstehen; vielleicht muß diese Bezugnahme auf einen tieferen, oft nur vermeintlichen Wert dasein, man könnte sonst nicht leben. Es gibt so viel Verhinderte …

Da sind die »Nur-Journalisten«, die »eigentlich« Dichter sind, so große lyrische Dichter, dass Stefan George von Glück sagen kann; »eigentliche« Musiker gibt es zu Hunderttausenden, es ist ein Glück, dass uns die meisten erspart bleiben. Es kommt aber, wenns soweit ist, gar nicht auf das Eigentliche an.

»Eigentlich« haben die Richter ihn freisprechen wollen, aber dann haben sie ihn doch verurteilt … und nun sitzt er im Gefängnis und kann mit dem Eigentlichen nicht viel beginnen. »Eigentlich« sollte er Privatdozent werden, aber er ist dann doch in die Industrie gegangen. Eigentlich bin ich ja ein Freidenker, aber wenn meine Schwiegermutter will, dass wir uns kirchlich trauen lassen … ? Eigentlich müßte man sich diesen Wucher nicht gefallen lassen, aber wir zahlen dann doch.

Und eigentlich sind wir ja dem Arbeitgeber, der uns bedrückt, tausendfach überlegen, und wir spotten seiner und sind so feine Herren … Und eigentlich sind wir überhaupt ganz anders, als man glauben könnte, wenn man uns so leben sieht. Wonach es aber nicht geht.

Sondern es geht nach dem Erfolg und nach der Wirklichkeit. Und es ist ein schöner und gefährlicher deutscher Traum, die Realität zu ignorieren, und im Wunschland zu leben, wo es nichts kostet und wo alles glatt und hemmungsfrei zugeht. So fliehen sie – und bleiben auf derselben Stelle.

Und so leben eigentlich viele Leute mit dem Kopf in den höheren Schichten und spielen sich ein Dasein vor, das sie gar nicht führen, obgleich sie es führen – und eigentlich sind sie auch gar keine mondänen Sportsleute, sondern geborener Mittelstand, der aus den Pantinen gekippt ist. Es gibt ein Ding, das es deutlicher zeigt als alles andere: das ist die Fassadenarchitektur, die nicht immer klassizistisch oder barock sein muß – falsche Intimität, falscher Reichtum und falsches Silber tuns auch. Ja, es gibt sogar falsche Ornamentlosigkeit …

Ein merkwürdiges Wechselspiel: mal ist das zugrunde liegende »Eigentliche« unwahr, und mal stimmt die Oberfläche nicht … Weil aber keiner ganz er selber ist, so bleibt immer ein kleines »Eigentlich« übrig, auf das er sich, bei Bedarf, zurückziehen kann. Denn was wollen sie eigentlich alle –? Proprement dit: das Glück.

Peter Panter, Vossische Zeitung, 14.03.1928

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