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Das Offline-Projekt

„Ein digitaler Graben spaltet die Gesellschaft entlang einer Altersgrenze, die zwischen Ende dreißig und Anfang fünfzig verläuft.“ Das schreibt Tim Rittmann in seinem recht klugen Feature „Der große Graben“, zu finden in der Mai 2009 Ausgabe der Zeitschrift GEE. Cem Basman resümiert in seinem Blog Sprechblase: „Jede Generation hat seinen eigenen grossen Aufbruch. Es geht dabei immer um Freiheit und Selbstbestimmung. Gegen Hierarchien und Fremdbestimmungen.“

Beide Beiträge sind eine Reaktion auf aktuelle Debatten: Killerspiel-Killer, Paintball-Verbote, Internetsperren. Auf all das, was in Berlin gerade durch die Parteien hinweg entschieden wird. Auf all das, was tausende Menschen – Internetgemeinde getauft; ein mir übrigens zu religiös angehauchter Begriff – gerade bewegt. Der Begriff Zensursula wurde mittels Twitter geprägt und verbreitet, die ePetition “Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten” hat in Rekordzeit Rekordzeichner gewonnen, weil sie sehr schnell und massiv über das Web 2.0 verbreitet wurde. Von all den Menschen, die sich politisch nicht mehr wahrgenommen und erst recht nicht vertreten fühlen.

Die aktuellen Konfliktlinien sind vor allem ein Generationenproblem, so der scheinbar vorherrschende Konsens. So schreibt z. B. Jens Schröder aka. Popkulturjunkie: “Ich befürchte, dass sich ‘die Politiker’ in Berlin gerade von einer ganzen Generation von heranwachsenden und jungen Erwachsenen entfernen, weil sie einfach nicht mehr kapieren, wie moderne Technik funktioniert und was Jugendliche in ihrer Freizeit tun. Was wird als nächstes verboten? Autorennspiele, weil sie Unfälle im echten Leben wahrscheinlicher machen?” Ähnliche Töne schlägt der gesamte Artikel „Wie man eine Generation verliert“ von Kai Biermann auf Zeit Online an.

Tatsächlich können meine Eltern nicht viel mit dem anfangen, wie ich meine Freizeit verbringe. Oder wie sich mein Studien- und Berufsalltag gestaltet. Aber auch in meinem täglichen Umfeld, unter meinen teils noch nicht dreißigjährigen Freunden, gibt es den ein oder anderen, der meinen exzessiven iPhone-Gebrauch lediglich mit Kopfschütteln quittiert. Oder gleich das lieb gewonnene Stück einkassieren möchte. Twitter ist für manche ein Fremdwort, Blogs sind eine überflüssige Online-Erscheinung und auf das Internet könnten sie auch alle mal eine Weile verzichten. Auch ein Minister zu Guttenberg, der sich in den letzten Tagen ziemlich ins Abseits geschossen hat, ist gerade einmal Jahrgang 1971.

Relativ schnell fragt man sich, ob man mit seinem täglichen Online-Konsum und der digitalen Abhängigkeit eigentlich nicht doch eher zu einer Randgruppe gehört, die irgendwann wieder vom Bildschirm verschwindet. Ob man sich und seine Lebensgestaltung nicht selbst zu ernst nimmt. Bei 60 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland sind schließlich auch 65.000 Petitionsteilnehmer zwar eine wahrzunehmende Größe aber noch keine Revolution. Bei der Petition geht es vornehmlich um Grundrechte. Die sind selbstverständlich zu schützen. Unterschwellig klingt aber auch an vielen Diskussionsstellen an, dass „Permant Online“ DER neue und vorherrschende Lebensstil schlechthin ist und es – ganz normativ – auf lange Sicht nicht mehr anders geht.

Immer wieder wird auch der Vorwurf laut, dass „die da in Berlin“ keine Ahnung hätten, wovon sie eigentlich reden. Wissen wir aber überhaupt noch, wie viele leben, die nicht alle fünf Minuten auf den Laptop-Bildschirm starren oder das iPhone aus der Tasche ziehen? Haben wir für das „analoge Leben“ noch Verständnis, wo wir doch an jeder Ecke „2.0“ fordernMenschzweinull und ich werden deswegen eine Woche lang ausprobieren, wie es sich ziemlich analog und offline lebt. Die Idee ist vor allem aus der Sorge heraus entstanden, dass wir spätestens in der vergangenen #zensurula-Woche die Bodenhaftung verloren haben.

Die Spielregeln

Eine Woche lang ist also Folgendes strengstens verboten:

  • Web 2.0iges und Social Media Tools: Twitter, Tumblr, Flickr, YouTube, etc.
  • Internetnachrichten: SPON, SZ, Zeit online, … sieben Tage alles bähbäh
  • das Internet überhaupt zur Bespaßung
  • Mails im privaten Kontext (sorry, wenn ihr nun alle warten müsst)
  • das iPhone in seinem lebenserweiterndem Kontext
  • Killerspiele bzw. überhaupt Konsolen- und Computergedaddel
  • Filme / Serien durch Computergebrauch

Der Computergebrauch wird also im Wesentlichen auf die Funktionen einer Schreibmaschine reduziert.

Erlaubt sind (auch beim iPhone) weiterhin:

  • Telefon,
  • SMS,
  • Adressbuch,
  • Terminkalender und
  • iPod

Da wir nicht im Mittelalter landen wollen, gibt es Fernsehen und Radio. Ansonsten: viele Bücher (M2.0 darf auch seinen EBook-Reader weiter verwenden), Sport und (im Falle des kleinen Wortkomplex‘) lernen, lernen, lernen.

Da sowohl Herr Menschzweinull als auch ich uns nun aber keine Woche dafür frei nehmen konnten, gibt es gewissen Ausnahmen im beruflichen Kontext. Zumal wir beide auch noch eher digital angehauchte Berufe haben. Erlaubt sind hier:

  • E-Mails
  • Internetrecherche und Website-Besuche auf beruflich relevanten Seiten
  • soziale Netzwerke mit Berufsbedeutung (Xing, LinkedIn, etc.)

Nächsten Sonntag ziehen wir das Fazit und schauen mal, ob es sich auch so leben lässt. Unsere These: NEIN! Vielleicht fanden wir‘s ja aber hübscher und sind demnächst öfters offline.